[Hintergrund] Russlands Staats-TV im Umbruch - Auch "Merkel" ist dabei
Russisches Fernsehen emanzipiert sich
Russlands kremltreues Staatsfernsehen wartet dieser Tage mit einer Überraschung nach der anderen auf: Erstmals seit Jahren gibt es offene Kritik an den Zuständen im Land etwa in der Jugendserie "Die Schule".
Außerdem dürfen Zuschauer dank der frechen Trickfilmreihe "Mult Litschnosti" (ein Wortspiel auf Personenkult) wieder über Politiker lachen. Auch Kanzlerin Angela Merkel ist als Computeranimation ein Star dieser Serie im Sender Erster Kanal. Seit im Kreml der junge Präsident Dmitri Medwedew (44) regiert, traut sich das Fernsehen wieder was. Doch bei den Älteren um Regierungschef Wladimir Putin (57) schlagen die Wogen hoch.
Viele der von der Staatspropaganda schon ganz müden Zuschauer reiben sich die Augen vor so viel erfrischender Offenheit. Das Kremlfernsehen versucht erstmals seit langen einen Aufbruch, weil junge Russen sich längst lieber im Internet informieren - statt die täglichen Erfolgsmeldungen der russischen Politik anzuschauen. Mit ihrer "Schule"-Serie löste die alternative Regisseurin Valeria Gaj Germanika eine gesellschaftliche Debatte um Gewalt an der Schule und autoritäre Erziehung aus, wie junge Russen sie nie erlebt haben.
Diskussion über Drogen und Sex
Es gibt aber auch kremlnahe Befürworter, die meinten, die Probleme an Russlands Schulen seien in Wirklichkeit noch viel schlimmer. Statt sich über das bei den Zuschauern beliebte Programm aufzuregen, sollten lieber die Missstände behoben werden. Die "Schule"- Fangemeinde schreckte zu Wochenbeginn auf, als der Sender meldete, die viermal wöchentlich ausgestrahlte Serie werde vom 15. Februar an nicht mehr ausgestrahlt. Danach präzisierte der Kanal, sie werde nur während der Olympischen Winterspiele ausgesetzt.
Klamauk-Show in 3-D-Computeranimation
Es gibt weitere Beispiele für den neuen Kurs des Generaldirektors des Ersten Kanals, Konstantin Ernst. Populär ist etwa die Klamauk-Show "Mult Litschnosti" in 3-D-Computeranimation. Hier rollt mal eine Merkel-Figur ein Bierfass, rappt ein meist Basketball spielender US- Präsident Barack Obama oder verlustiert sich Frankreichs Nicolas Sarkozy mit seiner Carla Bruni. Die Kanzlerin springt im Hosenanzug bei einer Neujahrs-Party ihrer männlichen Kollegen sogar aus einer Torte - als Ersatz für ein Modell, dass Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi vorher vernascht hat.
Zwar ist die unregelmäßig sonntags ausgestrahlte Serie harmloser als die vor Jahren unter Putin trotz hoher Quoten abgeschaltete Satire-Show "Kukly" (Puppen). Doch es ist ein Neubeginn. Solche Veränderungen seien in Russland langsamer als eine Schildkröte, sagte der TV-Starmoderator Wladimir Posner, der bei "Mult Litschnosti" selbst vor Langeweile über das eigene Programm einschläft. "Wir müssen vorsichtig sein", sagte auch Fernsehdirektor Ernst. Damit erklärt er indirekt, warum westliche Politiker deutlich mehr ihr Fett wegbekommen als Putin und Medwedew.
Teile wurden rausgeschnitten
Kritiker winken ab, die Show sei nur eine Imitation von Satire. Wie bissig es mitunter in "Mult Litschnosti" zugeht, zeigt aber die Zensur in der autoritär regierten Ex-Sowjetrepublik Weißrussland. Minsk ließ den Traktor fahrenden und bei der russischen Führung immer um Geld bettelnden Präsident Alexander Lukaschenko einfach aus der Sendung schneiden. Der Staatschef ist in Russland auch wegen seiner Annäherung an den Westen verschrien. Als Symbol für diesen Kurs muss in der Trickserie Merkel herhalten. Auf der Torte tanzend ruft sie in einem Traum Lukaschenkos: "Ich will ein Kind von dir". (Ulf Mauder und Lena Mordmillowitsch)


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